Gibt es im Leben eigentlich noch echte Abenteuer? Wer von uns kann schon von sich behaupten den Mount Everest bezwungen, sich durch den Urwald eines weit entfernten Landes geschlagen oder etwas anderes unternommen zu haben, das eine gewisse Gefahr birgt und von dem einem die meisten abraten würden?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die überwiegende Mehrheit diese Frage nach kurzer Überlegung mit einem klaren “nein” beantworten wird. Und mit etwas mehr Bedenkzeit käme vielleicht die Frage auf: “Warum eigentlich nicht?”

Unser erstes gemeinsames Filmprojekt führte uns direkt an einen Ort, der allen ein Begriff sein dürfte: Tschernobyl. Noch heute ruft der Name des Atomkraftwerks bei vielen Menschen eine Gänsehaut hervor und vor allem jene, die die Katastrophe selbst erlebt haben, fragen sich, wie man freiwillig die Sperrzone aufsuchen kann.

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl, gelegen in der heutigen Ukraine, zum größten atomaren Unfall überhaupt. Fehlerhaft durchgeführte Tests führten in der Nacht vom 25. auf den 26. April zum Super-GAU. Reaktor 4 des AKWs flog buchstäblich in die Luft und Unmengen an radioaktiver Strahlung wurde freigesetzt. Nicht nur in der Ukraine, sondern europaweit waren die Auswirkungen dieser Katastrophe zu spüren. Mittlerweile ist der beschädigte Reaktor durch eine riesige Hülle, dem sogenannten Sarkophag, von der Außenwelt abgeschirmt. Noch heute ist das Atomkraftwerk mit einem Radius von etwa 30 Kilometern weiträumig von der Außenwelt abgeschirmt und Zivilisten dürfen das Gebiet ausschließlich mit einer Genehmigung sowie mit einem Guide betreten.

Tja, und da kamen wir ins Spiel. Unabhängig voneinander waren wir vor allem durch verschiedene Dokumentarfilme von der Sperrzone mit ihren verlassenen Dörfern und heruntergekommenen Städten fasziniert. Es wurde wirklich nicht lange gefackelt bis der Flug nach Kiew sowie ein Guide vor Ort gebucht waren. Gewappnet mit leichter und flexibler Kameratechnik stiegen wir also in den Flieger und hatten den Plan gefasst mit wenigen Mitteln ein dokumentarisches Format in Filmform zu produzieren, das ohne eigene Wertung für Außenstehende zeigt, wie es heute in Tschernobyl wirklich aussieht. Für uns handelte es sich dabei um ein Herzensprojekt, das wir mit eigenen Mitteln finanzierten und vor allem neben unseren eigentlichen Aufträgen realisierten.

In der verlassenen Arbeiterstadt Pripyat lebten damals etwa 50.000 Mitarbeiter des Atomkraftwerks. Heute ist es eine Geisterstadt.

Wir halten es für extrem wichtig von Zeit zu Zeit eigene Produktionen umzusetzen, um zum einen “Passion Projects” realisieren zu können und zum anderen neuen Input für Kundenaufträge zu erhalten. Durch die völlige Freiheit, die bei eigenen Projekten besteht, lernen wir häufig neue Wege kennen, um das Wunschergebnis zu erzielen. Dadurch profitieren später häufig andere Filmproduktionen, da wir aufgrund der fehlenden Deadline bei eigenen Projekten häufig mehrere Wege ausprobieren können um ans Ziel zu gelangen. Und manchmal kristallisiert sich ein Workflow oder eine Methode heraus, mit der wir vorher nicht gerechnet hätten, die ab dann aber regelmäßig zum Einsatz kommt.

Ausgestattet mit Spiegelreflex- und Systemkamera verbrachten wir insgesamt drei volle Tage in der Sperrzone von Tschernobyl und besuchten zahlreiche geschichtsträchtige Orte, wie etwa das weltbekannte Riesenrad sowie das Schwimmbad der Arbeiterstadt Pripyat, die bereits in zahlreichen Verfilmungen und Videospielen zu sehen gewesen sind. Vor Ort bot sich uns eine gespenstische Atmosphäre mit teils unglaublicher Stille. Doch auch die Radioaktivität war unser ständiger Begleiter, denn ausgestattet mit Geigerzähler waren wir darauf angewiesen regelmäßig unsere Umgebung zu sondieren – und nicht selten wurden wir durch das typische Klicken aus dem Geigerzähler überrascht.

Die spannendsten Stunden verbrachten wir mit Sicherheit im Atomkraftwerk selber, wo wir von einer Kraftwerksmitarbeiterin durch scheinbar nicht enden wollende Gänge geführt wurden, unter anderem durch den sogenannten Golden Corridor, der die verschiedenen Bereiche des AKWs miteinander verbindet. Schließlich stiegen wir sogar hinab zu den Kühlsystemen der einzelnen Reaktorblöcke – hier tickte unser Geigerzähler unaufhörlich und ein mulmiges Gefühl machte sich an diesem außergewöhnlichen Ort in uns breit.

Im Inneren des Atomkraftwerks. Der Geigerzähler tickte ab einem gewissen Punkt unaufhörlich.

In der Postproduktion standen wir vor der Herausforderung rund acht Stunden Rohmaterial, das größtenteils aus atmosphärischen Bildern bestand, in ein stimmiges und zugleich wenig wertendes dokumentarisches Zeitzeugnis zu editieren. Besonderen Wert haben wir zudem auf das Colorgrading gelegt – neben verschiedenen Filtern zogen wir die Kontraste stark an und reduzierten die Bildhelligkeit, um die vor Ort herrschende Atmosphäre besser einzufangen.

Unser Dreh in Tschernobyl war für uns sicherlich ein einmaliges Erlebnis, bei dem wir nicht nur einen einmaligen Kurzdokumentarfilm über die Sperrzone gedreht, sondern auch einen der mystischsten Orte der Welt erkundet haben. Und ja, spätestens nach diesem Trip können wir aufrichtig sagen, dass wir in unserem Leben ein echtes Abenteuer erlebt haben. Wer sich besonders für das Thema interessiert, dem empfehlen wir in den Woodpecker Podcast reinzuhören, hier sprechen wir ausführlich über unsere Erlebnisse in der Sperrzone.

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